Mein Leben und ich

Wie ich in meinem ersten Beitrag schon berichtet habe, bin ich 14 Jahre alt und gehe in die 8. Klasse. Meine Lieblingsfächer sind Deutsch und Kunst. Aber auch die anderen Fächer fallen mir zum Glück nicht so schwer. Zu meinen Hobbys gehört das Malen und Zeichnen, Lesen, im Internet surfen und Filme schauen.

Meine Familie besteht aus meinem Vater, meinem älteren Bruder und mir. Meine Mutter ist vor einem Jahr leider gestorben. Daraufhin ist mein Vater mit uns beiden Söhnen in eine andere Stadt gezogen. Er wollte Abstand und noch mal neu anfangen. Unser altes Haus wäre voller schlechter Erinnerung, meint er. Und so landete ich Anfang diesen Schuljahres auf meiner neuen Schule. Das erklärt auch, warum ich noch nicht so viele Freunde habe. Besser gesagt, ich habe gar keine Freunde. Ich bin sehr schüchtern und zurückhaltend. Ich kann nicht so gut auf neue Leute zugehen. Davon abgesehen behandeln mich meine Mitschüler wie ein rohes Ei. Ich vermute, unsere Klassenlehrerin hat ihnen von meiner Mutter erzählt. Und jetzt haben sie Mitleid mit mir und lassen mich mit meiner Trauer in Ruhe, obwohl meine Mutter schon ein Jahr tot ist. Aber so ist das nun mal.

Deshalb verbringe ich meine Freizeit meist vorm TV oder PC. Mein Bruder fällt es da leichter. Er ist zwei Jahre älter als ich und geht jetzt in die 10. Klasse auf derselben Schule wie ich. Er hat schnell Anschluss gefunden. Vielleicht liegt das am Alter und seine Klassenkameraden sind cooler drauf als meine. Aber es ist sogar so, dass mein Bruder – ich nenne ihn hier mal der Einfachheit halber Benny – oft Freunde mit nach Hause bringt und mit ihnen XBox zockt oder so. Im Gegensatz zu mir ist Benny sowieso viel offener. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass er hetero und deshalb nicht so unsicher ist wie ich. Ich passe ständig darauf auf, nicht schwul zu wirken. Das muss er nicht.

Benny hatte auch schon mehrere Freundinnen. Er wundert sich manchmal, warum ich noch kein Mädchen mit nach Hause gebracht habe. Er sagt dann: „In deinem Alter hatte ich zehn Mädels an jeder Hand.“ Und das stimmt sogar. Wir haben Glück mit unseren Eltern gehabt und gute Gene geerbt, wenn man das so sagen kann. Mein Vater sieht für sein Alter – er ist 41 Jahre alt – sehr gut aus. Er ist groß, schlank und hat ein schönes Gesicht. Und das haben mein Bruder und ich auch alles geerbt, sodass uns natürlich die Mädchen hinterher gucken. Mein Bruder lässt nichts anbrennen, während ich mich blöd anstelle und jedes Mädchen abweise. Aber das ist ja auch klar… ich bin ja schwul. Trotzdem würde ich gerne eine Freundin haben, damit man keinen Verdacht bei mir schöpft und mein Bruder endlich zufrieden ist. Das ist schon blöd, ich weiß. Es wäre dem Mädchen gegenüber auch nicht fair, aber ich will nicht, dass jemand denkt, dass ich schwul sein könne.

Was kann ich denn noch zu mir und meinem Leben berichten? Mein Vater arbeitet in der Bank. Er kommt deshalb erst am frühen Abend nach Hause. So bin ich nachmittags meist allein zuhause (wenn mein Bruder noch was mit anderen unternimmt). Dafür geht es uns finanziell allerdings ganz gut. Wir haben ein kleines Haus, was ja für uns reicht. Und mein Bruder und ich haben unsere eigenen Zimmer. Vielleicht wollen wir uns eine Katze zulegen, weil wir früher auch mal eine hatten. Aber das überlegen wir noch.

Zu meinen Großeltern kann ich nichts sagen. Ich habe sie nie kennen gelernt. Meine Eltern sind keine Deutschen. Ich sage jetzt nicht, woher sie kommen, aber als sie damals nach Deutschland kamen, haben sie ihre Familie zurückgelassen und wir haben auch keinen Kontakt zu ihnen. Auf Facebook bin ich zwar mit ein paar Verwandten befreundet, aber da ich die Sprache nicht sprechen kann, herrscht da auch kein Austausch.

Wie man sieht, bin ich schon sehr einsam. Darüber bin ich oft traurig. Aber das ist ein anderes Thema…

Eine Antwort zu “Mein Leben und ich

  1. Hey du 🙂

    Schön, dich „kennenzulernen“. Sofern man das übers Internet so bezeichnen kann. Ich kann dein Problem nachvollziehen, ich war einmal in einer ganz ähnlichen Situation wie du. Schüchtern, schwul, bloß nicht damit auffallen wollen, und – zumindest bei mir – ein Vater, der sich öfter mal abfällig über Schwule geäußert hat. Traurig, dass man sich für etwas verstecken „muss“, für das man nichts kann. Als ob es etwas furchtbar schlimmes wäre, dabei ist es doch nur Liebe.

    Ich wünsche dir viel Kraft und Stärke auf deinem Weg und hoffe, dass dein Umfeld es gut aufnimmt, wenn es irgendwann aus dir herausplatzt.

    Liebe Grüße!
    Lysander

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