Meine Klasse

Meine Klassenkameraden sind eigentlich ganz nett. Es hätte mich schlimmer treffen können, als ich neu auf die Schule gekommen bin. Zwar war ich vorher noch nie in einer solchen Siutation, aber ich stelle mir vor, dass man sich das schlimmste ausmalt. So war es jedenfalls bei mir. Ich dachte, ich werde zum Außenseiter und Mobbing-Opfer. Ich stellte mir die schlimmsten Hänseleien von „Homo“ bis „Schwuchtel“ vor, wenn sie eventuell bemerken würden, dass ich schwul bin. Dabei bemühe ich mich stets, sehr männlich zu wirken und lege zum Beispiel meine Beine nicht so tuntig übereinander.

Aber meine Sorgen hatten sich nicht bestätigt. Meine Klassenkameraden sind eigentlich ganz nett. Wie schon mal erwähnt, vermute ich, dass meine Klassenlehrerin ihnen von dem Tod meiner Mutter erzählt haben muss. Denn sie lassen mich in Ruhe und sind ansonsten recht freundlich. Wenn es um schulische Angelegenheit geht, behandeln sie mich auch ganz normal. Wenn wir zum Beispiel eine Parnterarbeit machen, behandelt mich niemand komisch, sondern arbeitet ganz normal mit mir zusammen. Aber darüber hinaus werde ich einfach links liegen gelassen. Die Pause verbringe ich meist alleine. Dann setze ich mich in die Pausenhalle und lese in meinem Buch.

Als ich in die Klasse kam, fielen mir natürlich zuallererst die Jungs auf. In meiner Klasse sind wir 26 Schüler, davon sind 14 Jungen. Darunter sind wiederum ein paar, die ich nicht sonderlich attraktiv finde, wie den dicken Lukas oder Aarif, den Pakistaner. Aber in meiner Klasse sind auch heiße Typen. Ganz oben steht da natürlich Till. Seit ich seinen Pimmel gesehen habe, finde ich ihn noch besser. Aber vorher fand ich ihn auch schon total heiß. Er ist sehr sportlich und hat so lange blonde Haare wie ein typischer Surfer-Boy. Besonders gefallen mir seine blauen, strahlenden Augen und seine schneeweißen Zähne. Ich stehe auf gepflegte Zähne und er hat die weißesten, die ich je gesehen habe. Jetzt wird es hier richtig gay, aber ich finde ihn einfach zum Dahinschmelzen.

Aber Max, Simon und Justin sind auch sehr hübsch. Wenn einer von ihnen mich ansprechen würde, wäre ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Aber das tut ja keiner. Auch die Mädchen nicht. Sie lassen mich einfach in Ruhe und ich denke, sie sind der Meinung, ich würde noch immer trauern. Ich frage mich, wie ich ihnen zeigen kann, dass sie mich nicht so in Watte packen müssen. Wenn ich ein wenig offener wäre und auf sie zugehen würde, würde ich vielleicht mit jemanden Freundschaft schließen können. Aber solange ich so verschlossen bin, verbringe ich meine großen Pausen weiterhin allein.

Heute fang ich mal an…

Schon längere Zeit hatte ich die Idee, einen Blog zu starten und ein bisschen aus meinem Leben zu berichten. Ich schob das die ganze Zeit vor mich hin, weil ich irgendwie Angst hatte, dass jemand mich hier erkennen könnte und herausfindet, wer ich bin. Am schlimmsten wäre es, wenn mich jemand aus der Schule erkennen würde. Aber es gibt etwas, dass ich nicht mehr so für mich behalten möchte. Und daher schreibe ich diesen anonymen Blog. Vielleicht kann ich dann besser damit umgehen.

Aber was ist denn mein großes Geheimnis? Es fällt mir schwer, es auszusprechen. Es hier niederzuschreiben ist aber auch nicht ganz einfach. Aber ich tu‘ es jetzt: Ich. Bin. Schwul.

Jetzt ist es raus. Ja, ich bin schwul. Und keiner weiß es. Ich bin ein 14jähriger Schüler in der 8. Klasse und habe mir meiner Homosexualität zu kämpfen. Auch meine Familie hat keine Ahnung. Das ist manchmal recht hart für mich. Aber vielleicht erhalte ich mehr Mut, wenn ich darüber schreibe und kann mich nach und nach öffnen. Das hoffe ich jedenfalls.

Heute ist Sonntag und da habe ich Zeit, diesen Text hier zu schreiben. Unter der Woche ist meist viel zu tun. Ich bin auf dem gymnasialen Zweig einer Gesamtschule und wir bekommen eine Menge Hausaufgaben. Trotzdem versuche ich, regelmäßig etwas über mich zu schreiben. Es gibt auch vieles, was in der Vergangenheit passiert ist, was ich hier gerne niederschreiben möchte.

Wahrscheinlich werde ich meinen Namen nicht nennen. Und die Namen anderer Personen werde ich hier verändern, damit man sie nicht erkennt und ich dadurch auch nicht erkannt werde. Ich werde auch nicht verraten, woher ich komme. Selbstverständlich werde ich auch keine Fotos von mir posten. So bleibt meine Identität geheim. Dafür kann ich dann umso freier schreiben und ganz private Dinge von mir preisgeben, über die ich gerne schreiben möchte.

Dies ist meine Geschichte. Dies ist mein Leben. Dies bin ich.