Ich – der Spießer

Gestern kam ich von einer Klassenfahrt zurück. Wo wir waren, möchte ich hier nicht erzählen, da ich befürchte, erkannt zu werden. Aber was man sagen kann: Wir waren in einer ganz gewöhnlichen Jugendherberge.

Und wie es so ist, teilt man sich das Zimmer mit anderen Klassenkameraden. Ich wäre lieber in ein Zimmer mit meinen Freundinnen gegangen, aber ich kann ja schlecht sagen: Das ist doch kein Problem, ich bin schwul. Und so musste ich in ein Zimmer mit drei anderen Jungs.

Ich befürchtete schon, dass ich mich da nicht so wohlfühlen werde. Ich war total verspannt und konnte nicht locker sein. Die anderen hatten da keine Probleme. Sie furzten sogar, wenn sie mussten, kackten in unserem gemeinsamen Bad, ohne sich zu schämen oder liefen sogar nackt durch die Gegend. Ich war sozusagen der Verklemmte. Daher habe ich nun den Spitznamen Spießer inne.

An einem Abend haben die Jungs – wie es sich ihrer Meinung auf einer Klassenfahrt gehört – Alkohol aufs Zimmer geschmuggelt und gesoffen. Ich habe es nicht angerührt und damit war ich „out“. Sie haben sich über mich lustig gemacht und mich gehänselt. Das hat meine Beliebtheit nicht gerade gefördert. Aber ich wollte einfach nicht trinken, weil ich Angst hatte, meine Hemmungen zu verlieren und etwas zu sagen oder zu tun, was ich im Nachhinein bereut hätte. Das war vielleicht dumm von mir.

Aber zumindest habe ich das Zimmer nicht vollgekotzt, wie einer meiner Klassenkameraden. Die haben Vodka und viel Bier gesoffen und irgendwann konnte er nicht an sich halten. Dass kein Lehrer kam, war unser Glück. So blieb ihnen am nächsten Tag nur ein Kater, aber ansonsten fiel niemanden was auf. Jetzt bin ich froh, dass erstmal keine Klassenfahrt mehr ansteht. Die nächste wäre dann erst die Abschlussfahrt oder so…

Wasserschaden – nun habe ich einen Zimmergenossen

Mein Bruder musste kurzfristig in mein Zimmer einziehen. Wir haben einen Wasserschaden und sein Zimmer ist nun so feucht, dass es renoviert werden muss. An einer Wand ist das Wasser voll durchgekommen, sodass sogar die Wand rausgerissen werden musste. Nun wird da alles erneuert.

Kurzerhand zog also mein Bruder bei mir ein. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Auf der einen Seite mag ich meinen Bruder ja und prinzipiell verstehen wir uns ja ganz gut, aber der anderen Seite fehlt mir meine Privatsphäre. Ihm ist das anscheinend so egal. Er ist viel offener als ich und nicht so schüchtern. Er furzt und rülpst in meiner Gegenwart ohne Scham. Er holt sich sogar in meiner Gegenwart einen runter. Gut, er wartet, bis ich schlafe und denkt dann, ich würde es nicht bemerken. Aber wenn ich ihm signalisiere, dass ich noch wach bin, lacht er nur und sagt, ich solle mich nicht so anstellen.

Blöd ist nur, dass er bei mir im Bett schläft und es dadurch so eng ist. Erst sollte er eigentlich auf dem Boden neben meinem Bett schlafen. Aber das ist ihm zu hart. Dann sagte ich ihm, er solle doch einfach im Wohnzimmer auf der Couch schlafen, aber die ist ihm zu kurz, sagt er. Da könne er sich nicht ausstrecken. Also legte er sich einfach zu mir ins Bett – aber ans Fußende. Manchmal ärgert er mich und streckt mir seinen Käsefuß ins Gesicht… Dann bin ich wieder froh, wenn er endlich wieder in sein eigenes Zimmer kann.